Der nasse Teil – Dienstag, 23.7.

Gegen 9 Uhr entscheiden wir uns, dass es Zeit fürs Frühstück ist. Es gibt wie immer: Müesli mit Milchpulver und einen Fertigcacao. In der Nacht war es vorübergend windstill. Nun bläst er aber bei schönem Wetter wieder unvermindert stark aus dem Norden. Man bleibt am besten im Zelt. So sind wir vor so gut wie möglich vor dem Sand geschützt. Aber man gewöhnt sich irgendwie daran. Oder wird man einfach nur apathisch?
Um 10:45 Uhr ist alles wieder zusammengepackt und wir gehen los. Als besondere Herausforderung steht heute die Furt über den Zufluss des Grænalóns auf dem Programm. 🙂 Zuerst haben wir die blendende Idee gleich in südwestlicher Richtung die Schwemmebene zu überqueren. Grosser Irrtum! Schon nach wenigen Schritten gehen wir über etwas, das sich wie Quicksand anfühlt. Also schnellstens zurück um die Ebene nach Westen zu umgehen. Trotzdem schaffe ich es noch bei der wahrscheinlich letzten Gelegenheit mit beiden Beinen im Schlamm stecken zu bleiben und die Schuhe und ein Teil der Hosenbeine vollständig einzudrecken. Am nächsten Bächlein ist daher zuerst mal eine grössere Reinigung angesagt.
Auf dem weiteren Weg steigen wir dann in höhere Gebiete des ehemaligen Seegrundes auf und gehen am Fuss des Grænfjalls entlang über riesige Schotterflächen, die durch kurze steile Geröllhalden miteinander verbunden sind. Immer wieder kommen an mehr oder weniger auffälligen Toteislöchern vorbei. Man tut gut daran das Betreten solcher Stellen zu vermeiden, denn man weiss nie wie gross der vom Sand zugedeckte Eisblock schon abgeschmolzen ist. Eventuell hats darunter nur noch grosses Loch. 🙁

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Schotterflächen des ehemaligen Grundes des Grænalóns

Um ca. 13 Uhr stehen wir dann plötzlich an einer Hangkante und erblicken etwa 50 Höhenmeter unter uns den Zufluss des Grænalóns. Graubraune Wassermassen bewegen sich ziemlich schnell in Richtung See. Von oben suchen eine geeignete Furtstelle. Dies erweist sich als nicht so einfach. Etwa 300 m südöstlich von uns, wo der Fluss eine leichte S-Kurve macht, wollen wir es versuchen. Wir steigen die steile Böschung hinunter um zu sehen was uns dort erwartet. Unten angkommen macht sich Raimund bereit für eine Testfurt ohne Gepäck: Hose aus-, Neoprensocken und Sandalen anziehen und Trekkingstöcke auf lang stellen. Los gehts! Schon vor der Flussmitte muss er aber wieder umkehren, zu tief und zu reissend. Der direkte Weg geht alsonicht. Es ist auch nicht die beste Idee eine grösseren Gletscherfluss erst zur Mittagszeit furten zu wollen. Trotzdem scheint uns die Stelle für die Furt geeignet und wir suchen nach alternativen Wegen. Über die Breite des Flusses verteilt hat es ein paar Schotterinseln. Von Insel zu Insel, das ist zwar ein weiter Weg, auf jeden Fall einen Versuch wert. Raimund stürzt sich wiederum uns Wasser und kommt dieses auch mal wohlvehalten auf der anderen Seite an. Ich filme ihn dabei. Nun muss er nur wieder zurück um seinen Rucksack zu holen und dann zum letzten Mal den Fluss zu queren. Zuletzt mache auch ich auf den Weg. Schon bald stehe ich bis zu den Knieen im Wasser und die Strömung ist ziemlich stark. Langsam taste ich mich von Insel zu Insel voran. Noch ein letzte tiefe Stelle vor dem Ufer. Dann bin auch ich drüben. Neoprensocken zum Furten können in Island wirklich nur empfohlen werden. Raimund behauptet auch nach 5 Flussdurchquerungen im vielleicht knapp 2 Grad warmen Wasser im noch keine kalten Füsse zu haben. Nun machen wir zuerst einmal eine längere Mittagspause mit einer heissen Suppe. Der Wind bläst zwar immer noch, aber in der Sonne ist es angenehm warm. Ab und zu können wir beobachten wie sich am gegeüberliegenden Prallhang eine Schuttlawine löst und in den Fluss abrutscht. Das löst jeweils im eine grössere Flutwelle aus. Nur gut das sowas nicht passiert während wir den Fluss querten.

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Blick vom Rastplatz nach nordost über den Seegrund auf den Grænafjall.

Gut eine Stunde später gehen wir weiter. Wir wollen heute noch mindestens bis zur nächsten Furt an der Mið-Bergvatnsá. Dieser Gletscherfluss soll laut Berichten immer relativ viel Wasser haben. Wir glauben daher nicht, dass wir am späteren Nachmittag noch über den Fluss kommen. Gleich geht es wieder rund 200 m in südwestlicher Richtung hinauf auf einen Pass. Oben angekommen sehen wir in der Ferne bereits die Mið-Bergvatnsá. Von weitem sieht sie gar nicht so schlimm und Raimund ist sicher, dass man sie auch zu dieser Zeit noch hinüber kommt. Wir fassen daher ins Auge nach der Furt eventuell noch weitet zu gehen. Kurz vor der Mið-Bergvatnsá ist noch ein Quellwasserbach zu durchwaten. Das dahinter liegende Lavafeld gefällt uns so gut, dass wir um 18 Uhr das Tagwerk spontan als beendet erklären. Nachdem das Zelt aufgebaut ist kann es Raimund nicht lassen eine Testfurt durch die Mið-Bergvatnsá zu machen. Da kommt man tatsächlich zur Zeit auch Abend noch problemlos durch. Am Schluss legt er noch einen Stein ans Ufer. So können wir morgen messen um wieviel der Pegel über Nacht gesunken ist. Zurück beim Zelt gibts zum ersten Mal auf dieser eine etwas gründlichere Köperwäsche. Danach Nachtessen und vor dem Schlafen noch einen Kaffee und etwas lesen. Der Wind bläst immer nich unvermindert stark. Zum Glück ist hier der Sand nich ganz so fein wie gestern und zumindest teilweise mit Vegetation bedeckt. So sandet es nicht so stark.

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Ausblick von unserem Zeltplatz nach Westen über das Lavafeld, im Hintergrund die Hágöngur und der Vatnajökull

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Ausschnitt aus der 50’000er Karte mit dem Grænalón (Ausgabejahr: 1990). Eingezeichnet sind: die Stelle, an der wir den Gletscher verliessen (Gl2, an dieser Stelle ist das Eis heute rund 25 m tiefer), unser Zeltplatz vom Vortag (Camp, wir schliefen mitten im See) und die Furtstelle des Grænalón-Zuflusses (Furt1, diese liegt mitten im ehemaligen See)

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