Der eisige Teil – Montag, 22.7.

Gegen 9 Uhr wirds langsam zu heiss im Schlafsack. Die Sonne hat unser Zelt schon zu fest aufgeheizt. Da hilft auch das Öffnen der Türen nichts mehr. Also raus aus der Sauna. Der Himmel ist strahlend blau und es ist praktisch windstill. Raimund ist bereits auf eine Erkundungstour der Umgebung aufgebrochen. Das mache ich nun auch, ringsum atemberaubende Tiefsicht auf den Gletscher. Zurück beim Zelt gibts Frühstück. Da inzwischen ein paar Wolken aufgezogen sind, verwerfen wir die Idee auf die nächste Krete aufzusteigen (Von dort oben hätte man sicher eine tolle Aussicht nach Süden über den unteren Teil des Skeiðarárjökulls gehabt.) und packen zusammen.
Kurz vor Mittag sind wir startbereit. Zuerst gehts in mehreren Stufen über Geröllhalden zum Gletscherrand hinunter. Auf den Gletscher kommen wir leicht, da in diesem Bereich das Eis bis an den Fels reicht. Unser Tagesziel, der Grænalón liegt in nordwestlicher Richtung auf der gegenüberliegenden Seite des Skeiðarárjökulls. In Luftlinie sind das knapp 14 km. Zuerst gehen wir aber ziemlich genau nach Westen, denn wir wollen den berühmten Schwarzwald (ein unübersichtliches Gewirr von Ablationskegeln etwa in der Mitte der Gletscherzunge) möglichst weit südlich umgehen, wo er nicht ganz so dicht ist.
Das Eis ist auf dieser Route leicht zu gehen und wir kommen nur an wenigen vereinzelten Ablationskegeln vorbei. Dafür müssen wir ein paar reissende Bachläufe überspringen. Geeignete Stellen für die Überquerung zu finden erfordert immer wieder zum Teil grössere Umwege. Die Sprünge sind mit dem Rucksack gar nicht immer so einfach. Meist reichen jedoch das Einschlagen der Trekkingstöcke ins Eis und ein beherzter Sprung. Einmal muss ich aber Raimund meinen Rucksack von Hand hinüber werfen bevor ich den Sprung riskiere. Inzwischen sind ein paar Wolken mehr an Himmel aufgetaucht und ein starker eisiger Wind, der aus Norden über den Gletscher pfeift, hat eingesetzt. Es ist empfindlich kalt geworden.
Nach dem Mittagshalt, natürlich im windschatten einer riesigen schwarzen Tanne (sprich Ablationskegel), kommen wir im letzten Drittel der Querung in eine Spaltenzone. Das Spaltenlabyrinth erfordert viele lange Umwege um einen geeigneten Weg zu finden. Teilweise sind wir gezwungen ziemlich ausgesetzt den tiefen Spalten entlang zu gehen. Wir entschliessen uns die Steigeisen zu montieren. Nun fühlen wir uns wieder sicherer beim Gehen. Da wir nach der fast nicht mehr endenwollenden Spaltenzone etwas tief sind, entschliessen wir uns nicht über den Grænafjall den Gletscher zu verlassen, sondern direkt hinunter zur nordöstlichen Ecke des Grænalóns zu gehen. Das ist nicht weiter schwierig, aber langsam haben wir die Nase gestrichen voll vom Gletscher. Runter kommen wir leicht vom Gletscher, da hier das Eis direkt in die relativ gut zu begehende Seitenmoräne übergeht. Jetzt haben wir haben die bizzare Gletscherwelt endgültig hinter uns gelassen.
Kurz darauf sehen wir auch endlich den Grænalón. Er ist zwar gegenüber seiner Grösse auf der Karte (Ausgabedatum: 1979) praktisch zu einer kläglichen Pfütze geschrumpft, aber immer noch sehr eindrücklich. Der imposante Eiswall des Skeiðararjökull staut den See auf, in seinem graubraunen Wasser treiben leider nur ein paar kleinere Eisblöcke.
Nun steht uns noch der beschwerliche Weg entlang des Sees über Moränenwälle und Schutthalden zu einem geeigneten Zeltplatz mit Wasser bevor. Gegen 20 Uhr haben wir nach knapp 17 zurückgelegten Kilometern einen geeigneten Platz gleich neben einem Bächlein mit Quellwasser gefunden. Sehr sandig ist es hier zwar aber etwas besseres hats in der näheren Umgebung nicht im Angebot. Als Entschädigung gibts vom nächsten Moränenhügel einen tollen Ausblick auf den See dazu. Da der Wind unverändert stark bläst, wird nach und nach alles eingesandet. Die garstigen Umweltbedingungen lassen uns nach dem Nachtessen ziemlich rasch im Zelt verschwinden. Es ist ein spezielles Gefühl tief im Wasser, knapp 40 m unter der ehemaligen Wasseroberfläche zu schlafen. Der Grænalón muss aber zeitweise noch viel höher gewesen sein, denn noch weit oben im Hang des Grænafjalls sind noch ehemalige Ufermarken zu sehen.

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Der Grænalón von unserem Zeltplatz aus

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Blick über den ehemaligen Grund des Grænalóns. Nun ist daraus ein riesige Schwemmfläche für seinen Zufluss geworden. Der gelbe Fleck ist unser Zelt.

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